Die neue Seidenstraße – nicht die Chinesen belebten sie wieder, sondern ein US -Globalstratege!
Als Z. Breszinsky 1997 sein Buch veröffentlichte „Die einzige Weltmacht, Amerikas Strategie der Vorherrschaft“ [1] mutetet er den kritischen Lesern in China und nicht nur dort, einiges zu. Aber er gab den Chinesen auch einen Fahrplan, wie sie entgegen seiner Vorhersagen, sah er China doch innerhalb einer Generation und darüber hinaus nur als Regionalmacht [2] und nicht fähig dazu, doch zur Weltmacht zu werden.

Die Wiederbelebung der Idee von der Neuen Seidenstraße, wie sie Parteichef Xi Jinping 2019 verkündete hatte, könnte einen amerikanischen Globalstrategen als Vater gehabt haben. „Geopolitischer Pluralismus wird nur dann zu einer dauerhaften Realität werden, wenn ein Netz von Pipeline- und Transportrouten die Region (Eurasien gemeint, der Autor) direkt mit den großen Wirtschaftsknotenpunkten der Welt verbindet, über das Mittelmeer und das Arabische Meer ebenso wie auf dem Landweg. (davor war zu lesen, der Autor) Amerikas   primäres   Interesse   muss   folglich sein, mit dafür zu sorgen, dass keine einzelne Macht die Kontrolle über dieses Gebiet (Eurasien gemeint, der Autor) erlangt und dass die Weltgemeinschaft ungehinderten finanziellen und wirtschaftlichen Zugang zu ihr hat.“ [3]

Der Plan zur Neuen Seidenstraße von Xi auf dem Gipfel 2019 zur Seidenstraße angekündigt, zeigt visualisiert Breszinsky’s Worte.

[4]

Inspiriert von Ideen, erdacht für das Wirken der USA in Eurasien von einem Chefstrategen Amerikas entwickelt, aber umgesetzt und nützlich geworden, wird diese Idee zum Aufstieg Chinas zur Weltmacht führen.

Mit der „Verknüpfungsidee“ von Eurasien im Rohstoff- und Warenfluss leistete Breszinsky nicht alles an geistiger Hilfe zu Chinas Aufstieg zur Weltmacht. Man mußte sein Buch nur lesen und für sich verwenden können, aus der Sicht derer, die dort behandelt werden!

Breszinsky entwickelte drei Gründe, weswegen China innerhalb einer Generation nicht zur Weltmacht aufsteigen könnte. „Schließlich gibt es noch einen dritten Grund, weshalb man den Aussichten, dass China im Laufe der nächsten zwanzig Jahre zu einer echten Großmacht und — in den Augen einiger Amerikaner bereits drohenden — Weltmacht, aufsteigt, mit Skepsis begegnen sollte. Selbst wenn China von ernsten politischen Krisen verschont bleibt und selbst wenn es seine außerordentlich hohen Wachstumsraten über ein Vierteljahrhundert aufrechterhalten kann — beides ist noch sehr die Frage —‚ wäre es immer noch ein vergleichsweise armes Land. Selbst bei einem dreimal so hohen Bruttosozialprodukt würde Chinas Bevölkerung in der nach dem Pro-Kopf-Einkommen gegliederten Rangliste der Nationen weiterhin einen unteren Platz einnehmen, gar nicht zu reden von der tatsächlichen Armut eines bedeutenden Teils des chinesischen Volkes. Die Anzahl der Telefonanschlüsse, Autos und Computer, gar nicht zu reden von Konsumgütern, wäre im internationalen Vergleich sehr niedrig.“ [5]

Wie bekannt, gelang es den Chinesen in historisch kurzer Zeit (20 Jahre), legt man 1400 Millionen Einwohner in China zugrunde, einen großen Teil der Bevölkerung aus der Armut zu führen.

Gemäß der unten aufgeführten Statistik gab es 2001 noch 112 Millionen Menschen, die unter dem Existenzminimum lebten, im Gegensatz zu über 50 Prozent im Jahr 1981. Von 2002 bis heute ist dem kein widersprechender Trend bekannt.

Chinesen unter dem Existenzminimum[22]
Jahr19811983198519871989199119931995199719992001
Bevölkerung in Prozent52,830,417,616,823,422,220,014,79,37,68,0

Die Weltbank definiert das Existenzminimum in China mit einem Einkommen, das einem Jahreseinkommen von 850 Yuan für die Landbewohner und 1200 Yuan für die Stadtbewohner bei den Preisen von 2001 entspricht. [6]

Gleichwohl, dieser historische Kraftakt stabilisierte China und war entgegen Breszinsky’s Auffassung ein weiterer Punkt zur Weltmacht aufsteigen zu können, aber auch der Verweis darauf, was die Führung Chinas leisten muss, damit der Weg dafür frei wird.

Sein Fazit zu Chinas Werden zur Weltmacht fasst Breszinsky so zusammen:

„Selbst um das Jahr 2020 und selbst unter optimalen Bedingungen ist es ganz unwahrscheinlich, dass China in den für eine Weltmacht maßgeblichen Bereichen wirklich konkurrenzfähig werden könnte. Trotzdem ist China auf dem besten Weg, die bestimmende regionale Macht in Ostasien zu werden. Geopolitisch beherrscht es bereits das Festland. Auf militärischem und wirtschaftlichem Gebiet stellt es seine unmittelbaren Nachbarn, mit Ausnahme Indiens, deutlich in den Schatten. Es ist daher nur natürlich, dass sich China, ganz im Einklang mit seinen historischen, geographischen und ökonomischen Vorgaben, auf regionaler Ebene zunehmend durchsetzen wird.“[7]

Breszinsky veröffentlichte das Buch 1997 und seine Vorhersagen im Nachhinein zu bewerten, ist so eine Sache. Besonders deswegen ist zu berücksichtigen, er schrieb das Buch nach dem Untergang des Sozialismus in Europa, als die USA die einzig verbliebene Weltmacht war und es sehr menschlich ist globalpolitisch gesehen, ob seiner Bedeutung und seiner Einflussfähigkeiten zu träumen.

Allerdings hatte Breszinsky bereits da eine Botschaft an seine Kollegen, die heute, besonders von den Globalstrategen unter den Politikern, Politikanalysten oder Journalisten verstanden und schon gar nicht ignoriert werden sollte. „Die derzeit herrschende Einsicht, daß China die nächste Weltmacht ist, erzeugt paranoide Ängste vor China und nährt in China Größenwahn.  Ängste vor einem aggressiven und feindlichen China, das dazu ausersehen ist, in Kürze die nächste Weltmacht zu werden, sind bestenfalls verfrüht und können sich schlimmstenfalls zu einer selffulfilling prophecy auswachsen. Folglich wäre es kontraproduktiv, wollte man eine Koalition auf die Beine stellen, die Chinas Aufstieg zur Weltmacht verhindern soll.  Damit würde man nur erreichen, daß ein in der Region einflußreiches China eine feindselige Haltung einnähme.“[8]„Aber gerade weil China wohl nicht so schnell eine Weltmacht werden dürfte — und schon deshalb wäre es unklug, eine Politik der regionalen Eindämmung Chinas zu verfolgen —‚ sollte es als wichtiger Akteur auf der internationalen Bühne behandelt werden. Bezieht man China in weitere internationale Zusammenarbeit mit ein und billigt man ihm den Status, nach dem es strebt, zu, so könnte man damit vielleicht seinem nationalen Ehrgeiz die Spitze nehmen. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung wäre es, wenn man China bei dem jährlichen Gipfel der führenden Wirtschaftsnationen, den erweiterten G7-Staaten, hinzuzöge.“[9]

Breszinsky, der Sicherheitsberater Reagans und Hochschullehrer war, der Generationen von Politikstudenten, künftigen Politikern, Politikberatern und Journalisten prägte, spricht sich klar für eine Zusammenarbeit, gegen eine Politik der Konfrontation vom „Die oder Wir Gebaren“ aus, allerdings ist auch eine Doppeldeutigkeit im Satz erkennbar. „Aber gerade weil China wohl nicht so schnell eine Weltmacht werden dürfte“[10], dieses nicht so schnell in seiner Argumentation sollte nicht übersehen werden und gibt Raum für Spekulationen. Und was wird, so muss man fragen, wenn China nun schon Weltmacht ist, sind somit alle Ideen der Kooperation mit China hinfällig? Also ist doch wieder nur die Politik vertretbar, des nur einen Imperiums, was existieren darf, da für zwei kein Platz auf dem Globus ist.

Unmissverständlich und deutlich ist er allerdings in seinen Erwartungen an die Globalpolitik und da mag dem Autor das vorweg genommene Gleichnis erlaubt sein.

Die guten Zeiten von Fisher und Spasski, wo gutes Schach gespielt wurde, sind scheinbar und leider vorübervorüber. „Wie beim Schach müssen Amerikas globale Strategen etliche Züge im voraus durchdenken und mögliche Züge des Gegners vorwegnehmen. Eine konsequente Geostrategie muß daher zwischen kurzfristiger Perspektive (grob gesagt, für die nächsten fünf Jahre), einer mittelfristigen (bis zu zwanzig Jahren in etwa) und einer langfristigen (über zwanzig Jahre hinaus) Perspektive unterscheiden.“[11]

Und diese Fähigkeit, der guten Schachspielern scheint bei den Globalstrategen unter den Politikern, den Politikberatern oder Journalisten abhanden gekommen zu sein, denn die Politik der friedlichen Koexistenz hat heute keine Bedeutung mehr und die Neue Seidenstraße ist bereits das Werk des Teufels geworden, dient nur den Chinesen, ihren globalen Interessen, sie ist also abzulehnen, hört man aus deren Stuben. Solch eine Aussage zu vertreten ist bereits eine Bankrotterklärung in sich! Wer sagt denn, dass der Westen, zuzüglich der USA in die Seidenstraße in Richtung China nichts hineinpumpen kann, er dazu unfähig ist, seine Produkte dem hohen Anspruch an Wissenschaft und Technik nicht mehr genügen kann, er unfähig ist für den chinesischen Bedarf zu produzieren und diese Straße nur eine Einbahnstraße für die Chinesen sein kann!

Natürlich kann der Charakter der alten Seidenstraße nicht wieder belebt werden, der Osten handelte mit Seide, Gewürzen etc. die im Westen gar nicht geschaffen werden konnten und umgekehrt, der Osten hatte kein Bernstein oder Felle in dem Maße, wie der Westen sie über die Straße bringen konnte. Also diesen Zustand, ich habe etwas was du nicht hast und du hast, was ich hier nicht bekomme, das ist angeblich vorbei! Unter der kapitalistischen Produktion stellen sich die Chinesen auf den westlichen Bedarf nicht nur ein wie früher, sie beliefern den Westen zu besseren Marktpreisen mit dem, was er selber produzieren kann und das wäre neu, auf der Seidenstraße! Jetzt an Protektionismus zu denken ist nicht unverständlich und kurzfristig sinnvoll, aber langfristig nicht. Warum kann der Westen sich nicht gleichermaßen auch auf den Bedarf der Chinesen einstellen wie die es umgekehrt können. Wenn man mit den Preisen nicht konkurrieren kann, sollte man wieder zum alten Charakter der Straße zurückkommen, der mal galt. Der Westen hat etwas, was die Chinesen nicht haben, aber gerne hätten. Geist und Unternehmertum ist gefragt, statt Abschottung, die Herausforderung anzunehmen, statt in Handlungsunfähigkeit zu fallen!

Die neue Seidenstraße der Informationsbewegung und globalen Teilhabe an ihr war die Entstehung und Nutzung des Internets. Die damaligen „Abschotter“, Verbieter des Internets“, gibt es heute zum Teil nicht mehr! Der damalige Nutznießer des Internets war der Westen.

Die Neue Seidenstraße kann nur durch einen globalen Krieg verhindert werden, ist sie doch zutiefst kapitalistisch, mit den Handelsinteressen der beteiligten Menschen verknüpft, damit verbunden aus diesem Projekt seinen Gewinn zu schlagen. Denn die Neue Seidenstraße hat das Potenzial dazu, sie bedeutet gemeinsames und verquicktes Wirtschaften in Eurasien, sie würde politisch Eurasien stabilisieren, solange keiner die Vorherrschaft auf ihr hat und gemeinsam erstellte Verkehrsregeln gelten!

Selbst die Taliban, die durch NATO und Demokratieofferten des Westens nicht von ihrem Weg abzubringen sind, würden ihr Dasein wandeln, wenn sie aus dieser Straße für sich Profit ziehen könnten.

Jedoch das zukünftige Verhalten seiner Globalstrategen ahnend schrieb Breszinsky wohl „Eine wirksame amerikanische Politik für Eurasien muss auch im Fernen Osten verankert sein, unabdingbare Voraussetzung dafür ist, daß Amerika auf dem asiatischen Festland präsent bleibt, weder ausgeschlossen wird noch sich selbst ausschließt.“[12] Er scheint geahnt zu haben, dass diese Strategen es wagen werden, mit der Politik vom „Die oder Wir“ letztendlich gezwungen zu sein, sich von Eurasien verabschieden zu müssen und all das zu konterkarieren was Breszinsky als besonders charakteristisch für die 1997, einzige verbliebene Weltmacht hervorhob. „Die hierfür erforderliche Politik (er meint die eostrategie für Eurasien, der Autor) muß zuallererst die drei bislang nie dagewesenen Bedingungen ungeschminkt zur Kenntnis nehmen, von denen das Weltgeschehen geopolitisch derzeit bestimmt wird: zum ersten Mal in der Geschichte ist (1) ein einzelner Staat die wirkliche Weltmacht, hat (2) ein außereurasischer Staat weltweit diese Vormachtstellung inne und wird (3) der zentrale Schauplatz der Welt, Eurasien, von einer außereurasischen Macht dominiert.“[13]

Die Neue Seidenstraße wird sein, mit oder ohne die USA, mit oder ohne Verbündete derselben, die eher auf Nibelungentreue zu den USA setzen, wenn die es wagen sollten die konfrontative Politik vom „Die oder Wir“ umzusetzen, als sich zu bemühen die USA für die Neue Seidenstraße zu gewinnen. Eigentlich ist die Neue Seidenstraße ein zutiefst US-amerikanisches Projekt, was sie hätten realisieren müssen, um in Eurasien weiter als globaler Schachspieler Gestaltungsoptionen zu haben und nicht andere Gestaltungen kommentieren zu müssen! Die Politik vom „Die oder Wir“ die der Westen gegen China einsetzen würde, wäre eine fatale Fehlentscheidung, würde zur Selbstisolation führen, ein Dämmern in Selbstgenügsamkeit sein, einfach nur Dekadenz bedeuten. 600 Millionen EU-Europäer + Nordamerikaner gegenüber 3000 Millionen Eurasier ohne EU-Europäer, können sich diesen „Luxus“ gar nicht leisten, ohne dabei in ihrem Wohlstand weit zurück geworfen zu werden! Es wäre schade und ein enormer wirtschaftlicher Verlust für den Westen, wenn die Neue Seidenstraße am Tor der EU endet. Der Westen angefangen hat sich selbst zu genügen, weil er abgewichen ist von einem wirklichen Multilateralismus, Pluralismus nicht als friedliche Koexistenz verstanden hat, sondern nur als Multilateralismus „Light“ der Gleichgesinnten unter der Vorherrschaft eines Landes. Wie gesagt, die Neue Seidenstraße wird zu einem massiven Austausch von Waren und Ideen führen, das kann keiner verhindern, nur unter dem Preis, der einen selbst betrifft, sich selbst dabei auszuschließen.

[1] Zbigniew Brzezinski „Die einzige Weltmacht, Amerikas Strategie der Vorherrschaft“, veröffentlicht im Fischer Taschenbuch Verlag im Mai 1999, in Frankfurt am Main
[2] Obiges Buch, Seite 228
[3] Obiges Buch, Seite 215
[4] Quelle der Karte „Mercis“
[5] Obiges Buch, Seite 237
[6]  Martin Ravallion, Shaohua Chen: China’s (Uneven) Progress Against Poverty (PDF; 451 kB). World Bank Policy Research Working Paper 3408, S. 41 (Darstellung der Armut in China durch die Weltbank).
[7] Obiges Buch, Seite 237
[8] Obiges Buch, Seite 267
[9] Obiges Buch, Seite 268
[10] Obiges Buch, Seite 268
[11] Obiges Buch, Seite 283
[12] Obiges Buch, Seite 220
[13] Obiges Buch, Seite 282

Published by Carsten Bluck

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