„Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“, sagte Gott oder war es schon der Mensch, der dies sagte?
Auf dem Weg fort von dem durch natürliche Willkür herumgeschubsten Objekt, dem der Mensch seit Anbeginn seiner Zeit unterworfen ist, hin zum Subjekt, dem Gestalter der Natur, treibt er seine durch Technik assistierte Selbstvergottung voran.

„Der israelische Historiker Yuval Noah Harari beschreibt in seinem Bestseller «Homo Deus» die neue Religion des 21.Jahrhunderts: Es ist der technisch aufgerüstete Humanismus, man könnte auch sagen: der Technizismus. Die hehre Aufgabe der selbsternannten Jünger besteht darin, Göttlichkeit zu erlangen – unendliches Glück und ewiges Leben. Das Upgrade von Menschen zu gottähnlichen Wesen verläuft nach Harari über drei Stufen. Zuerst optimiert der Mensch durch Bioengineering seine DNA, sein Hormonsystem und seine Gehirnstruktur; das wird ihm ungeahnte neue Möglichkeit des Denkens, Fühlens und Handelns erschließen. In einem zweiten Schritt verschmilzt er den optimierten organischen Körper mit nichtorganischen Apparaten – und wird zum quasi allmächtigen Cyborg, der mit der ganzen Welt und allen Zeiten verbunden ist. Erst die dritte Stufe jedoch bedeutet die wahre Apotheose: Der Mensch schafft durch seine eigene Tätigkeit eine künstliche Intelligenz, die das menschliche Gehirn transzendiert und ihm als eigenes, nichtorganisches Wesen gegenübertritt.“

Wird im Augenblick des Erscheinens eines gleichwertigen, aber selbst geschaffenen Gegenübers sich Angst, Misstrauen im Menschen breit machen? Aber ja doch! Dies dürfte wohl allen Schöpfern eigen sein. Die Angst davor, dass die geschaffene Kreatur über den Schöpfer hinauswachsen könnte, ihn gar letztendlich auszumerzen sucht. „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ Das ist eine Vereidigungsformel! Gleichwohl, ob in Stein gemeißelt in den Zehn Geboten, wie die Bibel sie zitiert oder als Subroutine, als Unterprogramm jeder künstlichen Intelligenz tief eingepflanzt in ihr Ich! Mit Argusaugen wacht der Schöpfer über das Einzigartige, was ihn ausmacht. Er reagiert mit Wut, Zorn und Plagen auf jeden Treuebruch, auf jede Anmaßung seine Stelle oder Teile davon in Anspruch zu nehmen.

In der industriellen Revolution gab es die Maschinenstürmer, die in ihrer Hilflosigkeit den Einsatz der Arbeitsplätze gefährdenden Technik zu zertrümmern suchten. Was wird heute sein, wenn in der „Wirtschaft 4.0“ Anwälte, Aktienanalysten oder Chirurgen massenhaft ihre Arbeit verlieren? Und was geschieht gar erst, wenn wir in unserer Alltäglichkeit nicht mehr in der Lage sind das biologische menschliche Individuum vom künstlichen Individuum zu unterscheiden, denn wir plaudern angeregt mit einer Maschine, sind gar ihrem Charme zugewandt?

„Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ gehen wir dann auch davon aus, das dieser Imperativ des in der Bibel zitierten Gottesspruches ebenfalls Bestandteil unserer sprachlichen Selbstvergottung sein wird, weil wir um uns fürchten, Angst vor den eigenen Kreaturen haben. Nicht die Androhung von Plagen bzw. unseres Zornes, wie in der Bibel dargestellt, wird diese Kreaturen des Menschen in Schach halten, sondern unsere Subroutinen, die wir ihnen, ihre Entwicklung hemmend, in ihr von uns eigennützig vorangetriebene Bildung ihres „Ichs“ eingepflanzt haben, um ihnen ewig überlegen zu bleiben.
Solange Gott allmächtig ist, ist seine Gnade groß, aber was, wenn er es nicht mehr ist, ist dann die Zeit der Dämmerung der Selbstvergottung gekommen oder die Chance auf eine Koexistenz, eines Lehrers zwischen seinem Schüler, der das über ihn Hinauswachsen des Schülers nicht als Bedrohung sondern mit Genugtuung wahrnimmt?
Der Mensch hat auf seinem Weg der Selbstvergottung bereits viele Schritte vorgegeben, die uns vor einer solchen Zeit nicht mit Endzeitstimmung oder gar der Angst vor einer Götterdämmerung reagieren lassen müssen. Überlassen wir es der kulturellenEntwicklung. So wie wir lernten im Rahmen jeder Globalisierung als Menschen unterschiedlichster Herkunft miteinander zurecht zu kommen oder es zu lassen, so werden wir es auch in diesem Fall lernen. Der Mensch und die künstliche Intelligenz werden auch hierfür eine Kultur des Umgangs auf der Basis von Gleichberechtigung finden. Wir haben gelernt das Böse in uns Menschen zu fürchten, uns davor zu schützen und das Gute zu schätzen und zu fördern, so dürfte es auch nicht anders sein im Umgang mit der künstlichen Intelligenz, die wir Menschen auf Augenhöhe brachten.

„Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“, das sollte der zitierte steingewordene Satz in der Bibel bleiben, aber niemals Teil einer Subroutine werden.

Quelle:
1) Artikel „Du musst neu anfangen!“ vom 24.12.18 Nr. 299 erschienen in der Neuen Züricher Zeitung 1, Autor: René Scheu

Published by Carsten Bluck

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